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DER WAL VON SAINT-TROPEZ

DER WAL VON SAINT-TROPEZ

Schon wegen ihrer schieren Größe üben Wale seit jeher starke Faszination auf Menschen aus. Gelangen die Tiere in Küstennähe oder stranden, ist ihnen ein großes Publikum gewiss. An Land geratene Großwale schaffen es noch heute in die Hauptnachrichten. Aus der Frühen Neuzeit ist eine Fülle von Einblattdrucken und Flugschriften mit der Darstellung erlegter oder gestrandeter Wale erhalten (vgl. Faust [s. Literatur], S. 2-271, Nr. 524.1-642.2). Eines der skurrilsten Beispiele ist das Objekt des Monats März.
 

Ein 1640 ohne Ortsangabe publizierter Einblattdruck mit den Maßen 36 x 27,5 cm trägt den Titel "Warhaffte und eigentliche Abbildung Des wunder grossen Wallfisches / und ungehewren erschröcklichen Meer Monstri / so 1640. in Prouancen / bey dem Closter und Capellen S. Tropes gefangen / und die gebein darvon Ihro Königlicher Majestat in Franckreich presentiert und verehret worden." Auf dem Blatt sind ein Kupferstich und ein Ereignisbericht kombiniert.
 

Ort des Geschehens war also Saint-Tropez an der südfranzösischen Küste. In der Nähe hatte sich 1640 ein enormer Wal "durch sein erschrockenliches geheule, und Brülen, hören lassen", sodass die Menschen "darvon geloffen". Daraufhin sei "der Admiral Leutenampt mit seinen Nauiren [Schiffen]" dem "Monstrum [...] entgegen gefahren" und habe "auff die 9. tag mit ihme gestritten" und ihn in seichteres Gewässer getrieben, wo er "da gelegen wie ein Berg." Als Schaulustige in einem Boot hinausgefahren seien, habe "der erzörnte und verwunte Leviathan sich rechen wollen, hat er sein vortheil ersehen, und das Schiff mit seinen grossen Zänen gleich einem glaß von ein andern geschlagen". Zum Glück hätten sich die Bootsinsassen retten können. Nun versuchte man, "mit 500. Mannen, und allerley Instrumenten" den Wal zu bezwingen, der jedoch "zur Nasen auß geraucht, wie ein grosser Ziegelofen" und mit kraftvollen Wasserfontänen "alles zuersäuffen" und die Männer ins Meer in den Tod zu reißen drohte. Endlich habe man das Tier "mit grosser Furi, mit arbeit und allerhand mittel nacher zum land gezwungen, getödet, und mit Gottes beystand, diesen grossen und gefärlichen Sieg erlanget".
 

Der Triumph des Sieges konnte als umso größer gelten, als es sich beim erlegten Gegner angeblich um eine alle zoologischen Maßstäbe sprengende Kreatur handelte: "Seine länge war 325. schuh [ca. 100 Meter; der Blauwal als größtes Tier der Erde erreicht maximal 33 Meter], sein breite 162. schuh [ca. 50 Meter], sein underer Küffel [Kiefer] 45. schuh [ca. 13 Meter], darin er das allergröste Pferd sampt dem Reuter darauff, gering verschlucken können. Das einte Aug, das 15. Mann darin sitzen mögen. Hatte 120. Zeen, jeder wie 2. groß Mannen feust und schnee weiß, die andern grossen hielt jeder 20. schuh [ca. 6 Meter], der Schwantz so lang alß der gröste Masbaum einer Galleen, das Membrum Virile [Genital] wie ein 12. saumig [ca. 1.800 Liter] faß, das gröste Ripp 60. schuh lang [ca. 18 Meter], und oben 12. schuh dick [ca. 3,5 Meter], sein farb war Grünlecht mit mächtig grossen Rott in gelben Floßfedern, seine augen feurig, die klauwen erschrockenlich 6. schuh lang [ca. 1,8 Meter]". Die Verwertung des Körpers erbrachte Unmengen an Fleisch und Tran; es gab darum Zank und Streit. Den "grösten Küffel [Kiefer] zann und ripp" hängte man in die Kapelle von Saint-Tropez. Wie die Überschrift des Einblattdrucks besagt, erhielt auch der französische König Knochen des Wals.
 

Zum Erzählschema von Wunderberichten, zumal offenkundig übersteigerter, gehört, dass sie zur Genüge bezeugt waren: Der "Wahlfisch ist von vilen 1000. personen gesehen" worden. Die Glaubwürdigkeit soll zudem eine Bemerkung eingangs des Texts unterstreichen, nämlich "daß im Arabischen und Mittnächtigen Meer, Wallfisch gefunden werden, die unsäglich groß wie Berg oder Insulen anzusehen [...], und bauwen die Leut an dem Meer wohnende, auß den Gräthen unnd Beynen, Häuser, Tächer, Balcken, und Thor, etc." Charakteristisch - zumal zur Zeit des Dreißigjährigen Kriegs - ist zudem, dass solch monströse Wesen als göttliche Vorzeichen gedeutet wurden. Zum 1640 erlegten Wal heißt es abschließend: "Waß nun dises erschrockenlich groß und abschewlich Meerwunder in disen Landen bedeut, ist Gott allein bekant, unnd wirds die zeit offenbaren."
 

Kaum ein phantasiebegabter Kupferstecher hätte die Aufgabe der künstlerischen Umsetzung einer solchen Geschichte nicht mit Freude angenommen. Dank des Monogramms "HHG" am unteren Bildrand offenbart sich der Stich als Werk des in Basel tätigen Graphikers Hans Heinrich Glaser (1585/86-1673). Ist schon der Text extravagant, so übertrifft ihn Glasers Bild nochmals. Mehr Drache als Wal, wühlt das Untier das Meer auf und stößt Wassermassen und Qualm aus. Namentlich der Hinweis auf das fassgroße "Membrum Virile", über welches der Wal verfügt hatte, war Glaser keinesfalls entgangen. Der Einblattdruck mag heute wie eine Satire anmuten, doch gibt er nirgends einen Fingerzeig darauf, dass es 1640 den Menschen nicht vollkommen ernst war mit diesem schrecklichen Wal von Saint-Tropez.
 

Signatur: 4 Bud. Jus publ. 407 (4)
 

Ansprechpartner: Dr. Joachim Ott
 

LITERATUR
Ingrid Faust: Zoologische Einblattdrucke und Flugschriften vor 1800, Bd. 4: Wale, Sirenen, Elefanten, Stuttgart 2002, S. 136 f., Nr. 577 (andere Version; Identifizierung als Pottwal)

Rosmarie Zeller: Monstren in der frühen Neuzeit. Warnzeichen und naturwissenschaftliche Kuriosität, in: Paul Michel (Hg.): Spinnenfuß und Krötenbauch. Genese und Symbolik von Kompositwesen, Zürich 2013 (Schriften zur Symbolforschung; 16), S. 237-249, hier 244 f. 

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